9. September 1966
Bernd Böttger aus Sebnitz bei Dresden baut aus einem Fahrradmotor ein
Mini-U-Boot, von dem er sich durch die Ostsee ziehen lassen will. Nach fünf
Jahren Vorbereitung startet er am 8. September 1968 zu einer der spektakulärsten
Fluchten.
Die Geniale Idee
1962 fliegt Bernd Böttger, Jahrgang 1940, von der Ingenieurschule
Magdeburg. Er sieht für sich in der DDR keine Perspektive mehr und
entschließt sich zur Flucht über die Ostsee. Mit der Reparatur
alter Autos hält er sich wirtschaftlich über Wasser. In freien
Stunden ersinnt er in seiner Kellerwerkstatt in Sebnitz eine sichere Fluchtmethode.
Ein kleiner, schwimmender Unterwassermotor soll ihn in die Freiheit ziehen.
Freiheitsentzug statt Freiheit
Redewisch bei Boltenhagen, 7. Juli 1967: Bernd
Böttger beobachtet die Grenzsicherung: die Wachboote, den Scheinwerfer-Rhythmus,
die Posten. Gegen 23 Uhr hört er den Befehl: Halt! Stehen bleiben!
Zwei Grenzer richten ihre MPis auf ihn. Bernd Böttger ist festgenommen.
In seinem Zelt in Boltenhagen finden die Grenzer Taucherbrille, Schnorchel,
Flossen, Neoprenanzug und sein Mini-U-Boot.
Nach fast dreimonatiger Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Dresden
ergeht das Urteil:
"Der Angeklagte wird wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen
der DDR gem. § 8 Absatz 1 und 3 des Paßgesetzes in Anwendung
des § 1 des StGB zu acht Monaten Gefängnis bedingt unter Festsetzung
einer Bewährungszeit von zwei Jahren verurteilt."
Scooter und Tauchausrüstung werden "zugunsten des Staates"
eingezogen.
Kurs Dänemark
Bernd Böttger wird im März 1968 aus der Haft entlassen. Ein
halbes Jahr braucht er, dann ist sein verbesserter Neubau des Aqua-Scooters
startbereit.
Graal-Müritz, 8. September 1968, 22.00 Uhr: Bernd Böttger trägt
einen neuen Neoprenanzug aus dem Westen. Den Scooter unter dem Arm, schleicht
er zum Strand.
Der Himmel ist sternenklar, der Seegang hoch. Doch für Bernd Böttger
gibt es kein zurück. Er zieht Flossen an, setzt Schnorchel und Brille
auf. Langsam watet er in die kalte See, wirft den Motor an. Einen halben
Meter unter der Wasseroberfläche zieht ihn der Scooter hinaus auf
die offene See.
Wachschiff auf Suchfahrt
Bernd Böttger orientiert sich am Sternbild Großer Wagen. Der
Scooter läuft mit ca. 5 km/h. Gegen Mitternacht hört der einsame
Flüchtling Motorengeräusche, schnell anschwellend. Panische
Angst überfällt ihn. Bernd Böttger kämpft gegen Magen-
und Darmkoliken. Seine Kräfte schwinden, er muss auftauchen. Schwarze
Umrisse eines Wachschiffes ragen vor ihm auf, werden immer größer.
Bernd Böttger taucht ab, schaltet den Motor aus und schwimmt unter
Wasser langsam weiter. Das Motorengeräusch verebbt. Die Angst weicht.
Allmählich kehren seine Kräfte zurück.
"FREIHEIT, FREIHEIT!"
Fünfeinhalb Stunden fährt der Scooter durch die See. Nach 12
sm Fahrt erreicht Bernd Böttger um 4.00 Uhr das Feuerschiff "Gedser
Rev". Sein Ruf zerreist die Stille. Scheinwerfer blitzen auf. Wenig
später klettert Bernd Böttger an Bord. "Freiheit, Freiheit,"
sagt er immer wieder, bis die Männer verstehen.
Mysteriöser Tod
Bernd Böttger meldet seine Erfindung zum Patent an. In den Ilo-Werken
Pinneberg entwickelt er den Aqua-Scooter zu Serienreife. Kunden sind u.a.
Wassersportler und die US-Navy. Um Prototypen zu testen, reist Bernd Böttger
1972 nach Spanien. Am 27. August fährt er mit neuen Freunden im Boot
zu einem Tauchgang. Plötzlich treibt Bernd Böttger leblos im
Wasser.
"Bernd Böttger ist vermutlich beim Ausprobieren von Tauchapparaten
ertrunken", heisst es im offiziellen Untersuchungsbericht der spanischen
Behörden. An
zeichen von Gewalteinwirkung seien nicht erkennbar.
Bernd Böttgers Bruder Achim Böttger vermutet Rache der Staatssicherheit.
Ein Fluchtfahrzeug auf dem Siegeszug in Europa und Amerika - wie peinlich
für die DDR, meint Achim Böttger. Unter den "Freunden",
mit denen sein Bruder tauchen war, habe sich der Mörder im Auftrag
der Stasi befunden, vermutet er. Bis heute ist der mysteriöse Tod
nicht aufgeklärt.

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